Kinder sind mutig

…und wir Erwachsene denken viel zu viel nach

Ich erinnere mich immer wieder an neue Buzz-Words, Akronyme und dergleichen: „Scrum“, „MVP“ (minimal viable product), „KPIs“, „OKR“ und und und… es liegt nun mal in der Natur der Sache: irgendwann hört man einen Begriff das erste mal. In der heutigen Zeit kann man sich gar nicht dagegen wehren. Ja, es ging auch mir so mit vielen Wörtern und es geht mir immer noch und es wird auch in Zukunft so sein, dass ich Bedeutungen einfach nicht kenne. Viele Wörter hat man zudem schon irgendwo einmal aufgeschnappt und gefährliches Halbwissen darüber.
Früher hab ich es stets so gehalten, mich entweder mit meinem Halbwissen zufrieden zu geben oder den Begriff erstmal aufzuschnappen und später danach zu googeln. Ich könnte mich ja lächerlich machen und als der Anfänger, der Nichtwissende, der Planlose dastehen. Nur was mach ich, wenn es ein firmeninternes Akronym ist? Da wirds dann schwierig mit der Suche im Internet. Naja… irgendwie bekomm ichs schon aus irgendeinem Gespräch heraus. Hhhmmm… ja, schon. Nur vielleicht ist es dann zu spät, weil ich selbst danach gefragt werde. Dann steh ich erst recht als der Depp da. Mit der Zeit hab ich meine Meinung geändert. Denn was habe ich schon zu verlieren, wenn ich frage? Was ist der worst-case? Werde ich gefeuert, wenn ich es nicht weiß? Lachen mich alle anderen aus? Krieg ich eine schlechte Bewertung von meinem Vorgesetzten? Komm ich karrieretechnisch jetzt nicht mehr weiter?
Wie eben erwähnt, hab ich meine Einstellung geändert und bin mutiger geworden. Ich frage einfach, wenn ich etwas nicht verstehe. Und, ach! Was für eine Überraschung: Ich bin nicht gefeuert worden. Ich werde und wurde noch nicht ausgelacht. Ich hab keine schlechte Beurteilung dafür bekommen und ich hab mir deswegen auch nicht meine Karriere verbaut (jedenfalls glaube ich das). Ganz im Gegenteil. Ihr könnt Euch sicher sein. Wenn in einer Runde von 10 Leuten Fachbegriffe durch den Raum geworfen werden und ihr diese nicht versteht, könnt ihr euch sicher sein: es wird mindestens noch eine weitere Person geben, die das gleiche Problem hat. Ihr könnt euch sicher sein, dass euch mindestens diese eine Person dankbar ist für eure Frage. Warum? Weil diese Person nicht die Hosen runter lassen musste und danach zu fragen.
Es kommt aber noch besser. Wenn sich jemand mit Fachbegriffen schmückt, fragt auch einfach mal so aus Spaß an der Freude nach. Vielleicht erwischt ihr den Redner auf dem falschen Fuß und er glänzt mit gekonntem Halbwissen. Dann kommt unter Umständen heraus, dass mehr heiße Luft als echtes Know-how zu Tage tritt.

Und jetzt die Gretchenfrage: wer von Euch hatte jedesmal den Mut und fragte nach, was dieser Begriff denn bedeute? Na? Ich denke ein Großteil von Euch hat nicht nachgefragt. Warum eigentlich? Habt ihr Bedenken, dass ihr der Einzige seid, der etwas nicht wisst? Überlegt ihr, ob ihr DER Vollpfosten seid, der nix checkt? Falsch! Ich leg meine Hand dafür ins Feuer, dass ihr nicht der Einzige seid. Es wird mindestens noch eine Person im Raum geben, die genauso viel Ahnung hat wie ihr, nämlich keine! Also fragen, fragen, fragen!!!

Ihr fragt Euch jetzt vielleicht, was hat das mit Kindern und Mut zu tun? Unsere Welt ist kompliziert. Kinder kennen und verstehen viele Dinge nicht. Ist auch ganz normal. Sie müssen viel lernen in den ersten Jahren ihres Daseins. Ganz vorne angefangen: erstmal kapieren, dass die Gliedmaßen zu mir gehören und dass man diese auch steuern kann, dass die Augen noch viel mehr können als hell, dunkel und ein paar Farben ins Gehirn übertragen können, dass man sich geschickter fortbewegen kann, als auf allen vieren. Und dann noch die Königsdisziplin: Sprechen! Innerhalb von 2 Jahren. Irre!
Wenn erstmal dieses Level des Sprechens erreicht ist, geht das Leben erst so richtig los. Wenn Kinder etwas nicht verstehen oder etwas wissen wollen, fragen sie einfach. Sie überlegen nicht lange. Sie machen sich keine Gedanken über die Frage. Sie überlegen nicht, ob sie dann doof dastehen. Kinder sind neugierig und wollen es einfach Wissen. Es ist ihnen nicht peinlich zu fragen.

Was ich bei Kindern im Gegensatz zu uns Erwachsenen noch viel besser finde: Kinder probieren einfach aus. Kinder stellen keine großartigen Konzepte auf, wie etwas funktionieren könnte. Sie machen es einfach. Das ist zwar oft hart und frustrierend. Das beste ist jedoch: man oder besser gesagt Kind lernt verdammt schnell. Ausprobieren, scheitern, nachjustieren, wieder ausprobieren, Erfolg haben, freuen!
Wenn ich an meine Tochter denke, als sie 4 Jahre alt war. Wir hatten sie zum Kinder Yoga angemeldet. In einer wildfremden Gruppe, bei einer wildfremden Yoga Lehrerin. Ich glaube sie hatte nicht wirklich Ahnung, was da auf sie zukam.Sie ist einfach hin, sie hat sich drauf gefreut. Ja, sicher mit etwas schlottrigen Knien. Aber sie ist hin und hat sich auf das Unbekannte gefreut. Klar, war ja neu. Das ist auf jeden Fall interessant. Von der Mama weiß ich außerdem, dass sie auch so ein komisches Zeugs macht. Wie mutig! Wie gesagt: ich frag mich, ob sie vorher überhaupt verstanden hat, worauf sie sich da einlässt. Und für all diejenigen, die die Kleine nicht kennen. Sie ist eeeeecht sehr zurückhaltend, sehr introvertiert und schüchtern. Das beeindruckt mich umso mehr.

Also: nehmt Euch ein Beispiel an den Kleinen. Sie sind mutig. Sie denken nicht so viel über Belanglosigkeiten nach wie Ansehen oder Dergleichen. Sie probieren aus und sie fragen. Sie warten nicht. Nichts ist effizienter als dieses Vorgehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.