von der Reitlehrerin zum Bauernhofhund

…oder warum es wichtig ist, die Perspektiven zu wechseln.

Ein Tag wie jeder andere, irgendwann im Winter 2019. Ich radle in eiseskälte vom Bahnhof nach Hause. Die Hände sind rot. Bewegen kann ich meine Finger kaum noch. Meine Gefühlswelt pendelt irgendwo zwischen müde, abgeschlagen und hoffnungsvoll, nachdem was ich
heute auf Arbeit erleben durfte. Es gab in einem Termin wie so oft heiße Diskussionen mit konträren Meinungen. Jeder der Beteiligten hatte gute Argumente für seinen Standpunkt. Am Ende hatten sich die Teammitglieder auf eine Lösung geeinigt; zumindest vordergründig. Doch mich beschlich das Gefühl, dass da noch irgendwas in der Luft lag. Wie auch immer. Abschalten, Stefan! Abschalten! Ich beschloss die Arbeit erstmal Arbeit sein zu lassen. Mal schauen, was mich zu Hause erwartet. Schreierei, das durch die dicken Ziegelsteine bis nach draußen dringen wird oder frohlockende, hüpfende grinsende Kids und meine Frau, die mir strahlend einen heißen Kaffee zur Tür bringt und mir die Schuhe auszieht? Weder noch. Ich steck den Schlüssel in die Haustür, öffne dieselbe und zieh mich aus. Im Esszimmer angekommen schaue ich auf die Couch. Mama liest vor und beide Kids lauschen vertieft. Ich lausche ebenfalls. Bis ich entdeckt werde.

Wir spielen zusammen. Ich glaub meine Frau freut sich innerlich. Nicht, weil sie die Mädels los ist. Eher, weil sie jetzt mal in Ruhe durchschnaufen und sich einfach zurücklehnen kann. Wer aufgeweckte Kinder hat, der weiß wovon ich rede. Kindererziehung ist harte Arbeit, aber anderes Thema.
Also wir spielen zusammen. Ich Pferd, K1 Pferdebesitzerin, K2 Reitlehrerin. Eigentlich ganz lustig. Wenn ich nur Knieschoner hätte. Es gibt schönere Dinge als auf allen Vieren auf dem Parkettboden durch das Esszimmer gejagt zu werden. K2 (die Reitlehrerin) jagt mich dann in eine „falsche“ Richtung, welche K1 nicht mehr passt. Ich ahne wie anfängliche Diskussionen sich hochschaukeln. Jetzt muss ich achtsam sein, sonst gibts Verletzte. Doch ich muss nicht eingreifen. Seit ein paar Wochen haben die Mädels verstanden, dass es manchmal sinnvoll ist, durch reden und unterbreiten von Vorschlägen Konflikte vermeiden kann. Da kam K1 auf die Idee, dass K2 nicht mehr Reitlehrerin sei, sondern Bauernhofhund und sie stattdessen die Rolle der Reitlehrerin übernimmt. Oh Wunder: es funktionierte. Neben mir der Mini-Bauernhofhund und hinter mir die „neue“ Reitlehrerin.

Ich muss zugeben. In dieser Situation war ich einfach nur happy! Kein Geschreie, keine Haue und ich musste nicht eingreifen. Übersetzt: der Papa war einfach nur stolz auf die Zwerge.
Erst Wochen später hab ichs gepeilt, was da passiert ist und was ich mir da abschauen kann. Was ist passiert? Die Kids haben die Rollen gewechselt. Ohne groß nachzudenken. Auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär. Doch nach etwas Nachdenken hab ich mich gefragt: warum mach ich das in meinem Job nicht so? Nein, ich meine nicht Pferd oder Hund spielen. Im übertragenen Sinn, meine ich. Warum wechsel ich nicht geistig die Rolle, wenn ich versuche meine Ideen durchzusetzen? Hätte ich dann nicht ein besseres Verständnis, warum sich mein gegenüber so verhält? Und warum stell ich in verfahrenen Situationen den Teammitgliedern nicht die Frage: „versetz Du Dich als Software-Engineer mal in die Rolle des Product Owners. Was würdest Du jetzt tun oder entscheiden?“ Plötzlich ist man „verantwortlich“ für etwas Anderes. Würde man dann sich nicht noch weitere Infos einholen? Würde man dann die gleiche Entscheidung treffen? Aha, man überlegt nun etwas sorgfältiger, richtig? Und das Verständnis wird auch ein anderes sein, oder etwa nicht? Neben dem einfachen stellen der Frage kannst Du noch einen Schritt weiter gehen und die beiden Parteien bitte, ihr Sitzplätze zu tauschen. Probiert es einfach aus.

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